Leichtathletik WM 2017 – Zurück in die Zukunft

Als queere Kulturkritikerin und Leistungssportlerin blutet mir das Herz bei der derzeitigen TV Übertragung der IAAF Weltmeisterschaften in London. Der Grund? Weiße, männliche Kommentatoren, die über das ‚body image’ weiblicher Athletinnen urteilen als besäßen sie das Recht dazu. Moment… Letzteres ist ja tatsächlich der Fall!?

Meine Rage erreichte ihren Höhepunkt bei der Übertragung des 800m Halbfinals, in dem die Südafrikanerin Caster Semenya als Favoritin ins Rennen ging. Für alle die sich nicht an den Fall Semenya erinnern, 2009 musste sich eine damals 18-jährige Athletin auf der großen Weltbühne Fragen nach ihrem Geschlecht stellen lassen, weil sie für den Geschmack der konsternierten Reporter und auch ihrer Konkurrentinnen zu männlich aussah und zu schnell gelaufen war. Gefolgt wurde dies von einer Tortur an Geschlechtertests, getarnt als Leistungstests, mit dem Ziel ihr Geschlecht zu bestimmten. Klingt unethisch? Ist es auch.

Was der organisierte Sport offensichtlich bis heute nicht verstanden hat ist, dass Gender ein soziales Konstrukt ist, fließend in seinen Ausprägungen, und sich in einem ganzen Spektrum von Möglichkeiten bewegt, dessen vermeintliche Standardausprägungen Mann und Frau die hetero-hegemoniale Norm darstellen gegen den sich alles andere zur Wehr setzen muss. Dies stellt für den organisierten Wettkampfsport, so wie er momentan aufgestellt ist ein Problem dar. Wo ist die klare Grenze zwischen Mann und Frau. Wer darf in welchem Wettbewerb starten? Die Frage nach Fairness, die auch der Fall Caster Semenya aufruft, hallt laut durch die heiligen Hallen der klaren Geschlechtertrennung im Sport.

Doch was bedeutet Fairness im Sport? Ist Fairness überhaupt uneingeschränkt möglich? Ist es fair, wenn Usain Bolt aufgrund seiner verhältnismäßig langen Beine und seiner perfekten Hebelverhältnisse über Jahre hinweg den Sprint dominiert? Um Fairness zu garantieren unterwarf sich organisierte Sport einer klaren Geschlechtertrennung und eben nicht der Trennung aufgrund von Testosteronwerten. Zur Erinnerung, nach einer Reihe von ethisch äußerst fragwürdigen Geschlechtertests bei Caster Semenya wurde ein natürlich erhöhter Testosteronwert festgestellt und entfachte damit eine Debatte um mögliche Regulierungen von Seiten der IAAF. Männliche Athleten die höhere Testosteronwerte haben als andere werden selbstverständlich nicht solchen Tests unterworfen. Das wird nur von Frauen verlangt die nicht ins stereotypisierte Bild einer Frauen passen, wie sie eine patriarchale Welt gerne hätte. Dass selbst ein erhöhter Testosterongehalt keine einzige Minute weniger Training bedeutet ist bei der Diskussion nach Fairness scheinbar völlig irrelevant. Dass athletische Ausnahmeleistungen ein hochkomplexes System aus verschiedenen Faktoren sind, ebenfalls. Das Testosteronlevel ist nur ein Faktor von vielen, dessen „unfairer“ Vorteil im Wettkampf nicht mit der Gleichung ‚viel Testosteron = Top-Leistung’ zu belegen ist, eben weil es eine Fülle weiterer Faktoren gibt, die die sportliche Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt beeinflussen.

Zusätzlich zur internen sportlichen Diskussion um die Regulierung von Testosteronwerten und der schockierenden Debatte in allerhand Medien die Semenya’s erster Auftritt auf der Weltsportbühne ausgelöst hat, ist die Art und Weise mit der heute – immerhin 8 Jahre später – immer noch über sie berichtet wird, ein Schock für jeden dem die Aufweichung harter Geschlechtergrenzen ein Anliegen ist. Die (männlichen) Kommentatoren der Weltmeisterschaft in London besitzen die Arroganz Semenyas Laufstil als männlich zu bezeichnen im Gegensatz zu den grazileren Laufstilen ihrer Konkurrenz. Sicherlich könnte keiner von ihnen bewerten was denn ein „männlicher“ Laufstil genau ist? Wie sieht der aus? Kraftvoller? Vermutlich. Aber was bedeutet das, dass ein männlicher Laufstil kraftvoller aussieht als ein weiblicher? Richtig, dass der weibliche Körper immer noch als das schwache Geschlecht wahrgenommen wird über den nach Lust und Laune geurteilt werden darf. Die deutsche Leichtathletin Pamela Dutkiewicz kann hierüber sicherlich ein Lied singen, nachdem sie jahrelang mit ihrem Körperbild zu kämpfen hatte weil sie als junge Athletin ständig zu hören bekam sie sei zu schwer. Als Leistungssportler und Trainer kann ich mit Sicherheit sagen, dass sie kein Einzelfall ist. Tagtäglich höre ich junge Athletinnen, aber auch Athleten, darüber zu reden wie leicht oder schwer sie sind und was das angeblich bedeutet. Für die Kulturkritikerin in mir ist die Beurteilung gerade weiblicher Körper leider auch keine neue Erkenntnis. Aber es sollte eine verstörende Erkenntnis bleiben, die immer wieder den Tatendrang bekräftigt gegen hinterwäldlerisches, hetero-hegemoniales Gender-Denken anzutreten. Immerhin leben wir in einer Zeit, in der politische Parteien offensichtlich gegen die sogenannte Gender-Ideologie Wahlkampf betreiben und zurück zu einer Gender-Vorstellung der 1950er Jahre wollen. Ist es also nicht die Pflicht der Medien sich ihrer sozialen Verantwortung besonders bewusst zu sein und alles dafür zu tun ein einschränkendes Gender-Ideal aufzulösen im Sinne aller? Vor allem für die gleichen Medien, die einen „pussy-grabschenden“ U.S. Präsidenten Donald Trump aufs schärfste kritisiert haben?

Offensichtlich sind sich die Sport-Kommentatoren ihrer Verantwortung nicht bewusst. Sie legen sogar noch einen drauf und besitzen die Frechheit sich über die männlichen Gesichtszüge der 800m Läuferinnen zu mokieren. „Sie sehens ja selbst,“ lautet der lapidare Kommentar. Aber was sehen wir selbst? Ginge es nach den Kommentatoren, dann sehen die Zuschauer scheinbar, dass die angesprochenen 800m Läuferinnen „männlicher“ aus, als die anderen Athletinnen. Wie genau hat eine weibliche Athletin denn auszusehen? Ab wann sieht eine starke, athletische Frau nicht mehr weiblich, sondern männlich aus? Und wieso darf sie das nicht? Mit welchem Recht urteilen männliche Berichterstatter überhaupt über das Aussehen weiblicher Athletinnen? Dies sind Fragen die scheinbar niemand stellt, denn es ist heutzutage leider immer noch normal, dass männliche soziale Akteure weibliche soziale Akteure bewerten und belehren, ungeachtet ihrer eigenen Rolle im Gesamtkonstrukt. Ebenso ist die Binarität der Geschlechterkonstruktion für viele scheinbar immer noch ein unumstößliches Gesetz, dem sich alle unterordnen zu haben. Dass die Limitierung dieser tradierten Geschlechterrollen für viele Menschen aber eben einen Konflikt darstellt bleibt unbeachtet.

Es bleibt zu hoffen, dass Caster Semenya für all diejenigen (jungen) Athleten und nicht-Athleten die ihre Rennen sehen, für alle queer, trans, intersex und gender nicht-normativen Menschen, etwas bedeutet was für diejenigen die sie beurteilen nicht greifbar oder höchst bedrohlich ist: ein Rütteln am veralteten Konstrukt der klaren Geschlechtertrennung, ein Umdenken innerhalb eines hetero-hegemonialen Konstrukts, das vielen seiner weißen, männlichen Hauptakteure hoffentlich irgendwann ihrer Vorherrschaftsstellung entreißt.

Als queere Kulturkritikerin hat man immer die Hoffnung, dass die Welt besser wird, toleranter, gerechter. Dass das Hauptkriterium für die Bewertung von Frauen eben nicht der Blickwinkel des heterosexuellen weißen Mannes bleibt. Dass man nicht ständig auf die Herrentoilette verwiesen wird nur weil man eben auch Leistungssportlerin, 1,85m groß ist und ein breites Kreuz hat.  Man lebt aber auch ziemlich oft in einer ‚bubble’ aus der ein Blick ins TV und leider auch sein eigenes sportliches Umfeld einen unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Dieser Beitrag ist ein Versuch dagegen anzuschreiben.

 

Advertisements