I am not Gay!

Das Blutbad in Orlando hat massenweise Solidaritätsbekundungen aus der sogenannten LGBT community hervorgerufen. Beileidsbekundungen, die nicht die Sexualität der Opfer anerkennen, sie nicht in einer LGBT community verorten, werden diskreditiert. Zu Recht, aber oft aus dem falschen Grund. Es ist nämlich nicht “unser besonderer Schmerz,” wie queer.de schreibt, dem hier die Aufmerksamkeit verwehrt wird. Es ist in diesem besonderen Fall nicht die Aufgabe der Politik “unsere realen Ängste ernst zu nehmen.” Denn es geht hier nicht um uns. Das Wörtchen ‘uns’ verspricht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, welches vor dem Hintergrund einer nicht-existenten Rassimusbekämpfung in der LGBT community eine Farce ist. Es waren überwiegend schwarze und lateinamerikanische LGBTs die Opfer dieses schrecklichen Blutbads wurden. Die Schnittstelle zwischen Ethnizität und Sexualität wird oftmals vergessen wenn es um die Mitgliedschaft in einer utopischen LGBT community geht. Solidaritätsbekundungen fallen leicht nach so einer grausamen Tat. Aber sie sind auch ein wenig unvollständig, wenn man bedenkt, dass die LGBT community sonst wenig tut für ihre nicht-weißen ‘Mitglieder’. ‘Wir’ sind nicht angegriffen worden. ‘Wir’, die weißen, schwulen, (und lesbischen), cisgender Mitglieder der LGBT community, die Merkel (zurecht) attackieren, weil sie die Worte schwul, lesbisch oder Homophobie in ihrer Reaktion auf den Anschlag vermissen lässt. ‘Wir’, die schnell handeln, wenn es um Solidaritätsbekundungen zu einer utopischen LGBT community geht, wenn es um die Rechte von Schwulen geht. Die aber nicht aufschreien, wenn die muslimische Gemeinschaft als universell homophob dargestellt wird, die Medien Terror und Islam als Synonym verwenden und generell ihre eigenen patriarchalen, rassistischen und transphobischen Mechanismen nur selten hinterfragen.

Die Empörung Einiger aus der LGBT community darüber, dass es eben keine “I am gay” Bekundungen auf Facebook gab, so wie es “Je suis Charlie” Bekundungen gab, beinhaltet eine gewisse Ironie. “Charlie” wurde für viele zu einem Synonym für die unbändige Freiheit. Gay ist für viele aber kein Synonym für Freiheit sondern ein Zwang der eben auch die Modifizierungen weiß, männlich, cisgender und oftmals auch noch normativ beinhaltet. Es ist ein Begriff der immer auch ein Herrschaftsverhältnis ausdrückt, eine Identität die eine bestimmte Bedeutung in der westlichen Welt erhalten hat, die als universell betrachtet wird und unbedacht auf andere kulturelle Kontexte übertragen wird.

Vielleicht können die Solidaritätsbekundungen ja ein weiterer Anfang sein, die unterdrückenden und ausgrenzenden Mechanismen der LGBT Gemeinschaft selbst zu hinterfragen und ein Schritt in Richtung Gemeinsamkeit über Differenzen hinaus sein.