Der Gefallene Held

Der Fall Volker Beck – Ein Super-Gau für die LGBT Bewegung. So lautet ein Kommentar veröffentlicht auf queer.de, dem selbst ernannten Zentralorgan der Homo-Lobby. Unabhängig davon, ob man den Fall Beck nun als Skandal aufbauscht, wie es die BILD-Zeitung in gewohnter Manier versucht, oder ob man der Meinung ist, dass “Der Fall Beck nicht zum Skandal taugt” wie die Sueddeutsche, den vermeintlichen Fehltritt – zur Erinnerung: die Behauptungen beruhen momentan noch auf Informationen der BILD-Zeitung – eines einzigen Politikers als “Super-Gau für die LGBT Bewegung” zu bezeichnen, zeigt ziemlich genau in welche Richtung diese Bewegung strömt.

Für Leser, die sich in der Diskussion der Identitätspolitik, die in den 1990er Jahren zur Hochform auflief, auskennen, ist eine solche Argumentation nur allzu vertraut. Diskriminierte Minderheiten müssen sich als homogen wahrgenommene Gruppe nach außen präsentieren um sich auf politischer Ebene besser durchsetzen zu können. Sie müssen besonders gut, besonders angepasst sein, bloß keine Schwächen zeigen und müssen ein Bild abgeben, das reibungslos in den Mainstream integriert werden könnte, sonst… Ja, sonst passiert eigentlich was? Sonst bemerkt die Mehrheit, dass auch diskriminierte Minderheiten nur Menschen sind? Menschen aller Hautfarben, Klassen, jeglichen Geschlechts, die eben nicht perfekt sind, sondern genauso wie die heterosexuelle, vornehmlich weiße, Gemeinschaft Schwächen haben und Fehler begehen? Wie genau sieht eine LGBT-Bewegung aus, die einen ihrer größten Befürworter im Deutschen Bundestag schon dann an den Pranger stellt, wenn noch gar nicht alle Fakten klar sind?

Hier eine Idee wie eine solche Bewegung aussehen könnte: Es ist eine Bewegung die weiterhin versucht sich als homogene Gruppe zu präsentieren um sich Gleichheit auf allen juristischen Ebenen zu verschaffen. Der Vorteil ist offensichtlich. Der Nachteil jedoch nicht. Er liegt in einer zwanghaften Homogenisierung nach innen und einer klaren Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen nach außen. Dadurch kreiert sich eine Bewegung die sich eben nicht mit ihren inneren Differenzen auseinandersetzt um allen LGBT  eine Heimat zu bieten. Auch jenen, die eben nicht in die dominante Gesellschaft integriert werden wollen oder können, weil sie sich zum Beispiel nicht mit dem Bild einer angepassten, homonormativen Familie – Vater/Vater, Mutter/Mutter, Kind, zwei Einkommen, zwei Autos – identifizieren können. Es sind Menschen, die eben nicht „nur“ LGBT sind, sondern vielleicht auch  eine andere ethnische Herkunft haben als die westeuropäische, die das Bild der LGBT Bewegung hierzulande prägt. Es sind Menschen, die vielleicht nicht Teil des Mittelstandes sind und die keinen Hochschulabschluss haben oder Menschen, die ihre Erfüllung nicht in der romantischen Form der Zweisamkeit sehen, sondern in anderen Formen des Zusammenlebens. Diese Bilder von inneren Differenzen in der LGBT Bewegung werden gerne überblendet mit den üblichen „poster boys“, weiß, männlich, athletisch, verpartnerschaftlicht, einigermaßen wohlhabend, mit andere Worten: makellos geeignet für die Integration.

Es gibt aber durchaus auch Menschen in dieser Bewegung die sich dem radikaleren Ursprung einer LGBT Bewegung bewusst sind und die verstehen, dass eine Integration in die Institutionen des Mainstream eben nicht für alle LGBT Menschen möglich oder gewollt ist. Diesen Minderheiten innerhalb der LGBT Bewegung ist die Logik einer Strategie getreu nach dem Motto „wir müssen doppelt so gut sein wie alle anderen“ – wie sie der Beitrag auf queer.de impliziert – nur zu bekannt und zuwider.

Man sollte daher Volker Becks möglichen Drogenkonsum als das wahrnehmen was er in erster Linie ist: Kein Schlag gegen die LGBT Bewegung, sondern in erster Linie ein Schlag gegen sich selbst.

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